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Am Anfang war das Ohr – Enjott Schneider

13. September 2013 Posted by:

listening

Das Ohr erfüllt bereits im embryonalen Lebensabschnitt wichtige Funktionen und nimmt die Welt noch über den klinischen Hirntod hinaus wahr, es begleitet den Menschen unauf“hör“lich das ganze Leben lang um vor allem das emotionale Umfeld in sein Inneres zu transportieren. Über kein anderes Sinnesorgan (weder über Auge noch Geruch) nimmt der Mensch die Welt mit solch starken psycho-physiologischen Begleiterscheinungen wahr. Höreindrücke (vor allem die Musik als „Kraftwerk der Gefühle“) sind stets mit manifesten körperliche messbaren Wirkungen verbunden, – Atem, Puls, Durchblutung, galvanischer Hautwiderstand, Wärmeeindrucke und natürlich die Ausschüttung von Adrenalin (und anderen Hormonen) sind medizinisch jederzeit nachweisbar. Das sollte Filmemachern (Regisseuren, Produzenten und Redakteuren) zu denken geben: Musik und Ton emotionalisieren den Filmbetrachter und verändern ihn „körperlich“, machen für das Leinwandgeschehen disponibel und manipulieren im Sinne einer (kommerziell gesehen) positiven Produkthörigkeit, und dennoch wird der Löwenanteil der Produktionsbudgets einseitig für die Bildgestaltung ausgegeben und bleiben für die Tongestaltung oft (in prozentualer Relation) nur lächerliche Endbeträge übrig. Wer jedoch aufmerksam die Erfolgsmechanismen der Film- und Fernsehbranche verfolgt wird feststellen, daß die ersehnten Kassenhits stets die musik- und tonlastigen Filme sind, – das gilt für deutsche Highlights wie „Jenseits der Stille“, „Bandits“, „Lola rennt“, „Comedian Harmonists“ wie für die Flut der amerikanischen Top-Produktionen, die allesamt Musiketats in Millionenhöhe (und der Nutzung von meist großer Orchestermusik als Fokussierung von psychologischer Power) aufweisen.

Wer als Produzent in Musik und Ton investiert, der produziert wahrhaft „international“ und damit konkurrenzfähig: dialoglastige Filme („Schwätzfilme“) bleiben immer regional, weil sie für andere Sprachbereiche synchronisiert (und damit verfälscht) werden müssen; die Ur-Sprache der Musik und Geräusche ist jedoch international verständlich und grenzüberschreitend.

Diese und viele andere Gründe sprechen dafür, den Bereich von Ton und Musik im inländischen Film zu verbessern und zum selbstverständlichen Teil der Filmproduktion mit vielfachen Konsequenzen werden zu lassen: frühzeitige Planung ab Drehbuchphase, großzügige Finanzierung die ein Experimentieren und Ausprobieren erlaubt, Schaffung neuerer Profi-Berufsbilder (statt dem Komponisten als Einzelkämpfer eine kompetente Crew aus Komponist, Orchestrator, Kopist und Noten Editor, Music Editor, Contractor, spezialisiertem Dirigenten, Toningenieur, Sounddesigner, Tape Operator, Sync Operator, Tonassistenten), Schnüren von Merchandising-Pakten zur Filmwerbung im Vorfeld, Nutzung der Plakativität bekannter Musikinterpreten (von Sängern, Instrumentalisten bis renommierten Dirigenten) für Filmprojekte (was stets eine langfristige objektive Planung statt kurzfristig subjektiver Regisseursentscheidungen voraussetzt).

Deutschland als Land des Musikmachens und der Komponisten hat nämlich eine Fülle von Komponisten, Interpreten, Top-Orchestern und einer breiten Basis junger Musiker. Eine Stadt wie München hat beispielsweise fünf Spitzenorchester, -zig professionelle Chöre, Ensembles, zwei musikalische Ausbildungsstätten und ein beispielloses Musikleben… andere Städte wie New York oder Chicago können von so etwas nur träumen. Es geht jedoch darum, mit hemmenden Vorurteilen aufzuräumen und eine kulturelle Infrastruktur jenseits des verhängnisvollen Separierens in „E“ und „U“ (Kunst und Unterhaltung) zu finden, in der die volle Power eine der bedeutendsten Musikkulturen der Erde auch für die nationale Filmproduktion genutzt werden kann. Eine neue Professionalität müsste ausgebildet werden. Packen wirʻs an. Hier gibt es auf jeden Fall noch viel zu tun. (Enjott Schneider)

Am Anfang war das Ohr. Musik als emotionale Strategie | Enjott Schneider (München)
Ein Artikel von: http://www.medientage-muenchen.de
(Quelle: http://www.enjott.com/publikationen/downloads/)

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