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Der Salon Suisse und das CAMP Festival for Visual Music auf der 55. Biennale d’Arte di Venezia 2013

28. Oktober 2013 Posted by:

CAMP Venezia
CAMP Venezia

Im vergangenen Jahr erhielt ich von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia das Angebot, den „Salon Suisse“ auf der 55. Biennale d’Arte di Venezia zu kuratieren. Der Salon im Palazzo Trevisan, Dorsoduro, ist das offizielle collateral event zur Schweizer Ausstellung in den Giardini. Über die gesamte Dauer der Biennale bietet er ein Programm mit Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Performances, Konzerten und künstlerischen Interventionen. Der Eintritt ist frei. Ich musste nicht zweimal überlegen, bevor ich zusagte. Denn bislang fehlte an der Biennale ein Ort, an dem man sich fernab des Trubels der Eröffnungswoche mit Künstlern und Kunstexperten über Gott und die Welt austauschen konnte. Kunst, das wissen wir spätestens seit Marcel Duchamp, kann nicht auf ihre Objekte reduziert werden. Sie entsteht und besteht nur im Kontext spezifischer Diskurse. Überspitzt gesagt: Kunst ist die Auseinandersetzung mit Kunst.

Als zentrales Thema des Salon Suisse 2013 wählte ich das Nachleben der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts im globalisierten Kunstsystem. Immerhin waren es die Salons, in denen das Denken der Aufklärung Gestalt annahm. Und mögen sich seitdem auch die äußeren Umstände und die mentalitätsgeschichtliche Horizonte wesentlich verändert haben, so sind doch viele der vor über 200 Jahren virulenten Begriffe und Ideen noch immer relevant. Immanuel Kants Primat der Kritik hallt nach in den notorischen Postulaten der Kunstpublizistik, insbesondere die Gegenwartskunst sei kritisch per se. Friedrich Schillers Vision einer freiheitlichen Ästhetik als „Reich des Spiels und des Scheins“ hat ihr Pendant in der qua Verfassung verbürgten „Freiheit der Kunst“ gefunden. Denis Diderots sinnenfroher Materialismus ist dem säkularen Zeitalter als solchem eingeschrieben. Kurzum, mich interessierte, welche direkten und indirekten Folgen das Zeitalter der Aufklärung für die Künste hatte und wie es um die damaligen Ideen in der heutigen, konsumistisch geprägten Phase der Globalisierung bestellt ist.

Mit den im 18. Jahrhundert einsetzenden Veränderungen wie Industrialisierung, Säkularisierung und Demokratisierung wurden nicht nur die Lebensverhältnisse pluralistischer, sondern auch die Künste. Entrückt aus ihren feudalen und sakralen Bindungen atmeten sie nun freier. Sie wurden flüchtiger, strebten bald schon der Abstraktion zu und begannen sich immer mehr zu vermischen, begünstigt nicht zuletzt durch die neuen Meta-Medien des 19. Jahrhunderts wie Fotografie, Phonograph und Film. Diese Entwicklungen vor Augen, die von konservativen Kulturkritikern wie Hans Sedlmayr als „Verlust der Mitte“ abgetan wurde, fragte ich mich, welche Kunstströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts den Staffelstab der Pluralisierung und Ephemerisierung übernommen haben. Keine Frage: Visual Music ist eine von ihnen.

Seit ihrer Entstehung im frühen 20. Jahrhundert kulminieren in der Visual Music auf dem jeweils neuesten technologischen Stand die Offenheit, die Abstraktheit, die Performativität und die Crossmedialität der modernen Ästhetik (zu Begriff und Geschichte von Visual Music vgl. u.a. Cornelia & Holger Lund, Audio.Visual, Stuttgart: 2009; Jörg Scheller, Töne sehen, Bilder hören, 2011). So reifte in mir die Idee, das CAMP (Creative Arts and Music Project) zum Salon einzuladen. Ein naheliegender Gedanke nicht zuletzt insofern, als das CAMP ein nomadisches Projekt ist und mal in Deutschland, mal in Portugal, mal in Kroatien, mal in Rumänien gastiert. Nun also Venedig.

Das 1999 von Fried Dähn und Thomas Maos gegründete Festival für Visual Music hatte ich vor der Einladung nach Venedig bereits seit etwa zehn Jahren beobachtet und häufiger für Zeitungen und Magazine darüber berichtet. Mich interessierte vor allem, dass das CAMP erst beim CAMP entsteht. Dähn und Maos laden Musiker, VJs, Medien- und Installationskünstler zu ausgedehnten Jamsessions im unmittelbaren Vorfeld der Aufführungen ein. Oft sind die Teilnehmenden einander zuvor noch nie begegnet – der Ausgang der Sessions ist also unabsehbar. Gesetzt ist nur, dass Bild und Klang aufeinandertreffen sollen. Alles andere ist alles andere. Das Festival nimmt somit bewusst die Gefahr in Kauf, zu scheitern. Was im Kunstbetrieb allzu häufig als bloßes Lippenbekenntnis daher kommt, wird beim CAMP tatsächlich ernst genommen. Erst die Aufführungsabende zeigen, ob die Experimente im Klang-Bild-Labor geglückt sind.

Für das Venedig-CAMP quartierten sich Dähn (E-Cello, Sounds), Maria Fernandez & Rodolfo Lillo (Visuals), Maos (E-Gitarre, Sounds) und Claudia Robles Angel (Visuals/Sounds) direkt im Palazzo Trevisan ein. Nach fünf Tagen des Diskutierens und Improvisierens hatten sie ein vierteiliges Programm entwickelt, das am 13. Juni dieses Jahres vor zahlreichen Besuchern aufgeführt wurde. Der Abend begann mit einem minimalistischen audiovisuellen Jam (Dähn/Maos/Robles Angel), steigerte sich mit psychedelischen Klanglandschaften und einer hypnotischen 3-D-Projektion (Dähn/Maos/Fernandez & Lillo), ebbte wieder ab mit einem E-Cello-Visuals-Dialog (Dähn/Robles Angel) und endete mit abstrakten Projektionen auf einen kreisförmigen Schirm, begleitet von effektvoll collagierten Klängen der E-Gitarre (Maos/Fernandez & Lillo).

Im Kontext der bisherigen CAMP-Festivals handelte es sich um eine der ruhigeren Varianten, angesiedelt irgendwo zwischen der atmosphärisch-mystisch angehauchten Ausgabe in den Wagenhallen Stuttgart 2005 und den Ausgaben im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 2009/2012, bei denen die Visuals mehr ‚realistische’ Elemente enthielten. Wie bei jedem CAMP fielen auch in Venedig die Publikumsreaktionen unterschiedlich aus. Die einen waren hellauf begeistert, die anderen monierten Qualitätsunterschiede zwischen Klang und Bild. Die nüchternen Analytiker und Historiker meinten: Alles schon mal dagewesen!, die Phänomenologen und Ästheten lehnten sich zurück und ließen das Erlebnis auf sich wirken. Es wäre auch ziemlich verwunderlich, riefe das CAMP in all seiner Performativität uniforme Reaktionen hervor.

Die Visual Music, wie man sie auf dem CAMP-Festival erlebt, korreliert dahingehend mit den radikalen Strömungen der Auklärung, als sie das Publikum nicht länger für überkommene Meta-Narrative zu gewinnen versucht. Der ‚Sinn’ des Festivals ist völlig offen – die improvisatorisch entwickelten Töne, Bilder und Tonbilder sind wie Atome, die durch den Raum schwirren, unvorhersehbare Bindungen eingehen und sich wieder voneinander lösen. Denker der Aufklärung wie Denis Diderot legten einst ihrem Publikum nahe, dass es sich mit dem menschlichen Leben genauso verhalten könne – dass der Sinn nicht von höherer Instanz gegeben sei, sondern von uns selbst gemacht werde, dass Menschen keine göttlichen readymades seien, sondern taumelnde Teilchen im Raum: Effekte kontingenter Prozesse in einem offenen Universum. In unserem heutigen, kybernetischen Zeitalter, in welchem alle Prozesse steuerbar scheinen, mögen  Festivals wie das CAMP daran erinnern, dass Aufklärung nicht mit dem Versprechen auf Kontrolle und Sicherheit begann, sondern mit einer groß angelegten Verunsicherung.

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