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FRAMED SHORTS by Marco Dzebro | Abandoned House – Alfred Arthur Sisley (1887)

3. November 2014 Posted by:

Abandoned House - Alfred Arthur Sisley (1887)
Abandoned House – Alfred Arthur Sisley (1887)

Das Konzept

Ein gutes Bild ist unendlich! … und ein Torweg unzähliger Geschichten. Dies ist nun eine davon. Geschrieben hat sie der Autor Marco Dzebro, der zwischen Mondstein und Pinselstrich Gedankenwirbel deutet, die ihm Fluchtwege ermöglichen, aus dem stundenlosen Schuppen der sich Alltag nennt.

Ein festes Haus – von Marco Dzebro

Johann war ein kompliziertes Wesen. Jeden Morgen schaute er in den Spiegel um nach Windmühlen zu suchen und entdeckte seinen Körper als versiegeltes Grab. Auf dem Weg zur Schule dachte er intensiv über diese Merkwürdigkeit nach, während er dabei lustlos auf einem Brötchen herumkaute, das mit sieben verschiedenen Käsesorten belegt war.

Am Ende der Straße stand ein Haus, bei dem seit zwanzig Jahren die Rollläden geschlossen waren. Johanns Großvater hatte ihm einst erzählt, dass Haschbrüder, Kartenspieler und Ganoven im Inneren ihr Unwesen treiben würden. Eine Lüge.

Es war an einem recht wohligen Tag im Herbst, als Johann in genau diesem Haus seinem Doppelgänger begegnen sollte. Die ganze Nacht über stand ihm der Mond im Auge, weshalb er nur wenig Schlaf gefunden und sich wieder einmal in wesentlichen Halbträumen verlaufen hatte. Dieser endlichen, unsagbaren Nacht folgte ein Morgen wie jeder andere Morgen auch: Windmühlen, Käsebrötchen, Schulweg. Aber wieso nur blieb Johann diesmal in der Moret-sur-Loing-Allee nahe des Friedhofs wie angewurzelt stehen?

Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus beobachtete er aufmerksam die Fenster des Gebäudes, die wie Ausrufezeichen in dem Haus standen, während die Weiber des Dorfes tuschelnd an ihm vorbeizogen.

An jedem anderen Tag hätte ihn der Duft ihrer samtenen Nylonstrümpfe, in denen warm der Schweiß stand, vollkommen verzaubert, heute jedoch war seine ganze Aufmerksamkeit dem Haus gewidmet, auf dem ein ewiger, poetischer Fluch zu liegen schien.

Eines der Fenster stand einen winzigen Spalt offen, was außer Johann niemand sonst zu bemerken schien. Neugierig trat er näher an das Haus mit den dunkelroten Stufengiebeln heran und blickte ins Innere der Stube. Der Raum war dunkel und modrig und erinnerte ihn daran, dass er in schlechtem Leben aufgewachsen war. Er schloss seine Augen und atmete konzentriert das schwarze, umfassende Licht ein. „Der innere Mensch hat keine Zunge!“ flüsterte eine ihm wundersam vertraute Stimme zu und obwohl er ganz genau wusste, dass die hässlichsten Menschen oft die hübschesten Masken trugen, ließ er sich von ihrem angenehmen Klang verführen und stieg durchs Fenster.

Ich weiß, dass all das, was ich weiß, nicht ich bin, stand auf dem Blatt, das auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers lag. Geschrieben hatte es der Mann, dessen Stimme Johann gefolgt war und der nun vor ihm auf einem Holzschemel saß, ihn traurig anschaute und ganz wunderbar nach Rauch, Fichte und Flegeljahren roch. Verbrauchtes Leben zog sich ihm titangleich durchs Antlitz, das Johanns wie ein Ei dem anderen glich.

„Bist Du?“ fragte Johann den Mann, der daraufhin sofort in schallendes Gelächter ausbrach. Unter dem tiefen Bariton seiner Stimme fing das gesamte Haus an zu zittern und zu beben und die Wände bäumten sich auf wie die Weiber des Dorfes, wenn sie Nachwuchs ins Laken pressten und verzweifelt um Luft rangen, kurz bevor sie ihr eigenes gegen ein neues Leben tauschten. „Schade, dass es schon vorbei ist!“ sagte der Mann.

Mit diesen Worten erwärmte sich das Kalte in Johann im Porträt eines Gedanken und vierzig Jahre Leben wandelten sich in einem einzigen Herzschlag auf das Nichtbild seiner letzten Worte:„Ich bin!“ sagte Johann und wurde ohnmächtig. Sein Körper klatschte hart auf das Parkett, während sein Doppelgänger sich im Rauch paradoxer Gedanken auflöste.

Als Johann die Augen wieder öffnete, lag er zusammengerollt am Boden des Zimmers. Er fühlte sich distanziert von der welthaften Gesellschaft, die da draußen auf dem Marktplatz über sein geheimnisvolles Verschwinden diskutierte, während sie sich gleichzeitig über die Kilopreise der Landbauern aufregte. Er verstand sein altes Leben als etwas, das nicht sein sollte und setzte sich daraufhin auf den kleinen Holzschemel und wartete. Er wartete vierzig Jahre und ebenso viele Nächte lang, bis er eines Tages einen Jungen bemerkte, der heimlich durch den offenen Spalt des Fensters lugte und seinen Blick neugierig, auf der Suche nach Antworten, durch den Raum wandern ließ. „Der innere Mensch hat keine Zunge!“ flüsterte Johann im zu, woraufhin der Junge furchtlos durch das Fenster kletterte. Und mit einem Mal hatte Johann den Geschmack von Tränen auf der Zunge, jedoch nicht den seiner eigenen.

Der Autor

Dzebro wurde 1977 irgendwo im Ruhrpott geboren, mitten im Dreck. Und sehr viel weiter hat ihn das Leben bisher auch nicht kommen lassen. Nach seinem Debütroman Dorian – ein scheitern in postkarten feierte ihn der Feuilleton als „großes literarisches Talent, irgendwo zwischen den Großmeistern der Beat-Literatur und Nick Cave.“
Mehr unter www.marcodzebro.de

File Source: http://www.wikiart.org/en/alfred-sisley/abandoned-house-1887

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