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FRAMED SHORTS by Marco Dzebro | Das Schwarze Quadrat – Kasimir Malewitsch (1915)

27. November 2014 Posted by:

Das Schwarze Quadrat - Kasimir Malewitsch
Das Schwarze Quadrat – Kasimir Malewitsch (1915)

Nichts zu Nichts – von Marco Dzebro

„Wenn ich die Augen schließe, ist meine Welt bunt. Es ist ein verwegener Zustand einer kleinen Gottheit, die mich nicht ernst zu nehmen scheint!“ sagte sie und setzte den Pinsel ab. Einige Wochen lang hatte sie an dem Bild gearbeitet, das sich wie ein Wüstling zwischen uns drängte und nun endlich fertig wurde.
„Ist das etwa ein Quadrat?“ fragte ich. „Einfach bloß ein großes, schwarzes Quadrat?“ Und da küsste sie mir zum Abschied sanft auf die Stirn und ich wusste ganz genau, was sie meinte.

Ich nahm meine Schreibmaschine, das letzte Bier aus dem Regal und kletterte durch das schwarze Quadrat, dieses Gedankenloch, das mitten im Raum stand und dessen Materie mich verführerisch anlächelte. Auf der anderen Seite wartete der schmale Hausflur des Gebäudes auf mich, in dem sich ihr Apartment befand.
Ich hockte mich auf den Boden und leerte in ruhigen Schlucken das schwedische Bier, damit ich nicht so schwer tragen musste. Dabei blickte ich den Flur entlang, in dem überall Spuren seiner Bewohner verteilt lagen: Viehknochen und gebrauchte Kaffeefilter.
Sechs Parteien wohnten hier, im 13ten Stock, im gähnenden Nichts. Dieses Hochhaus war ein eigenständiger Organismus, der atmete und schluckte und verdaute. Wir Bewohner waren Teil des Hauses und nicht umgekehrt.

Dann entdeckte ich am Ende des Korridors einen Obdachlosen.
Er winkte mir zu und verschwand in einer Orgie aus Licht zwischen den Tapeten des Flurs, diesem dunklen, schimmeligen Geburtskanal, der unzählige Leben ausspuckte und sie dann auf immer in kleinen Apartments versteckte. „Du weißt, was zu tun ist!“ rief er mir zu. Also zerschlug ich die Bierflasche und steinigte mit den Glasscherben das Märchen der himmelköpfigen Götter, auf das ich schon so oft hereingefallen war und musste dabei umgehend an den Herrn im Appartement neben mir denken, der nach einem schweren Unfall auf den Augen nicht mehr richtig hören konnte: „Die Liebe ist ein schwieriges Ding!“ sagte er, als ich an seine Tür klopfte, um ihn nach Rat zu fragen. Dann ging er in Flammen auf, was aber nicht weiter schlimm war, da ein paar Silbermünzen aus seiner Tasche fielen, von denen ich mir bei dem Obdachlosen auf dem Flur einen Käsekuchen kaufte, der nach Sehnsucht schmeckte. Den Käsekuchen tauschte ich gegen einen Endlosknoten und den wiederum gegen ein Zwergkaninchen, das auf den Namen Zweideutig hörte. Was ich für Zweideutig haben wolle, fragte der Obdachlose. Wir einigten uns auf eine kleine Plastiktüte, in der sich angeblich ein Regenbogen befand.

„Schön ist lange her!“ sagte der Obdachlose. Ich zog ihm daraufhin die Tüte über den Kopf, um ihm den Regenbogen zu zeigen. „Wir alle besitzen keine angemessene Vorstellung von Liebe!“ flüsterte ich ihm sanft zu und hielt ihn fest an mich gedrückt, um ihn zu begleiten auf seinem Schmerzweg. „Es ist ein Quadrat“ erklärte ich ihm, während er zappelte und japste und schnaufte. „Es ist der Atem im Jetzt: unablässig, gegenstandslos, auf weißem Grund!“ sagte ich, was ihn zu beruhigen schien, denn er hörte langsam auf zu toben und entspannte seinen dreckigen Körper und seinen dreckigen Geist. Der Obdachlose hatte ein Heim gefunden. Er legte seinen Kopf in meinen Schoss und hörte mir enthaltsam zu, während wir auf dem Boden des Flurs saßen und die Welt, dieser dumme Teufel, draußen an uns vorbeizog.

Der Autor

Dzebro wurde 1977 irgendwo im Ruhrpott geboren, mitten im Dreck. Und sehr viel weiter hat ihn das Leben bisher auch nicht kommen lassen. Nach seinem Debütroman Dorian – ein scheitern in postkarten feierte ihn der Feuilleton als „großes literarisches Talent, irgendwo zwischen den Großmeistern der Beat-Literatur und Nick Cave.“
Mehr unter www.marcodzebro.de

File Source: http://www.wikiart.org/en/kazimir-malevich/black-square-1915

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