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FRAMED SHORTS by Marco Dzebro | De slaapkamer in Arles – Vincent van Gogh (1889)

12. November 2014 Posted by:

De slaapkamer in Arles - Vincent van Gogh (1889)
De slaapkamer in Arles – Vincent van Gogh (1889)

Die Monade – von Marco Dzebro

Es war an einem milden Dienstagmorgen, mitten in Frankreich,  als ich aufwachte und beschloss, mein Bett nie wieder zu verlassen. Wenige Stunden vorher hatte ich im kleinen Schimmer meiner letzten Kerze einen Brief geschrieben, in dem ich von den leidenschaftslosen Strukturelementen der Liebe sprach und die Durchdringbarkeiten der Nichtung meines Ichs als revolutionären Freiheitsbegriff erkannte. Natürlich war da auch eine kleine Portion Wein im Spiel und Honig und Brot.

Ich lag rücklings auf der Matratze und spürte, wie sich langsam die Krämpfe des Alltags aus meinen Muskeln lösten. Meine Arme und Beine fühlten sich weich und matschig an: ein wunderbarer Zustand. Ich versuchte zu lächeln bei dem Gedanken an meinen leeren Kühlschrank und die ausstehende Zimmermiete. Ein gutes halbes Jahr lang habe ich in Wodka getränkte Nudeln mit den Fingern gegessen und von einer Abfindung gelebt, die ich mir beim Pokerspiel ergaunert habe.

Und so lag ich nun also da: Gewitter im Kopf, Wut im Bauch und Wein in der Hand. Neben mir eine leere Tablettenschachtel und auf dem Fenstersims ein kleiner, unbewohnter Vogelkäfig.
Die ersten paar Stunden vergingen, ohne das ich mich auch nur einen Zentimeter weit bewegte. Ich fühlte ich mich wie Schneewittchen und genoss den Klang des Strebens, der sich vor meinem Fenster auf den Straßen zutrug. Mein Zustand war schimpflich, aber es gab niemanden, vor dem ich mich schämen mußte. Und so verflog die erste Woche wie im Traum. Mir war inzwischen alles vollkommen egal. Nicht einmal mehr zum Toilettengang stand ich auf. „Na so ist das eben, mit den körperlosen Engeln!“ dachte ich mir und hatte plötzlich das Gefühl mein eigenes Blut verdampfen hören zu können.

Hatte ich es tatsächlich geschafft den Bannfluch der Gesellschaft zu brechen, indem ich einfach nur dort liegen blieb? Das erste Mal in meinem Leben verstand ich mich als Körperding und war nicht ganz sicher, ob das gut oder schlecht war, nahm mir aber eine weitere Woche lang Zeit, intensiv darüber nachzudenken, auf dem Rücken liegend.

Als mein Vermieter die Wohnungstür aufbrach, fing er sofort an zu schreien und aufgeregt mit den Armen zu fuchteln, als er mich dort in meinem Bett liegen sah. „Ich wohne im Denken!“ wollte ich ihm noch entgegenschreien, aber da war er schon wieder verschwunden. Fast ein ganzer Monat war nun schon vergangen, seit ich mich dazu entschlossen hatte, der teilhabenden Gesellschaft trotzig den Rücken zuzukehren und einfach in meinem Bett auf immer liegenzubleiben. Meine Haut hatte inzwischen die Farbe von kalter Asche angenommen und ich spürte  keinen Geschmack mehr auf der Zunge. In der gesamten Wohnung roch es nach verdorrtem Leben und schalem Wein und selbst die Sonne weigerte sich inzwischen durchs Fenster zu schauen, jedenfalls hatte ich sie schon länger nicht mehr gesehen.

„Da! Da ist er!“ sagte mein Vermieter, als er mit dem Gendarm zurückkam und zeigte dabei unhöflich mit dem Finger auf mich. Er hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, so dass ich seine Worte nur gedämpft wahrnehmen konnte. Ich war mir nicht sicher, ob er traurig oder wütend klang. Beide traten sie zögerlich einen Schritt näher heran. „Es ist alles ok, Monsieur! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen!“ sagte ich und der Gendarm schaute mich kritisch mit großen Augen an.  Er ging zum Fenster, öffnete die Vorhänge und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. „Wirklich, so glauben sie mir doch: ich habe mich noch nie unbezweifelter gefühlt in meinem Leben!“ sagte ich.

Der Polizist musterte mich abermals für ein paar Sekunden und drehte sich zu meinem Vermieter um. „Ganz eindeutig!“ sagte er. „Der liegt hier wohl schon eine Weile! Wissen sie, ob der irgendwelche Verwandten hat, die wir benachrichtigen können?“ fragte er. „Nein. Soweit ich weiß, gibt es da niemanden!“ antwortete der Vermieter unter heftigem Würgereiz. „Also gut.“ sagte der Gendarm und musterte mich von oben bis unten.
„Dann werde ich jetzt mal schnell jemanden kommen lassen, der den Mist hier entsorgt!“ sagte er und dann verschwanden sie beide auch wieder.

Ich fühlte mich frei und erleichtert und philosophisch und komplett, weil alles so gut funktioniert hatte. Also beschloss ich noch ein wenig länger liegenzubleiben. Ich schaute zu dem Käfig auf dem Fenstersims, in dem jetzt eine kleine Amsel saß, die vollkommen zufrieden damit war, den ganzen Tag über nichts anderes zu tun, als zu singen, zu fressen und zu scheißen.

Der Autor

Dzebro wurde 1977 irgendwo im Ruhrpott geboren, mitten im Dreck. Und sehr viel weiter hat ihn das Leben bisher auch nicht kommen lassen. Nach seinem Debütroman Dorian – ein scheitern in postkarten feierte ihn der Feuilleton als „großes literarisches Talent, irgendwo zwischen den Großmeistern der Beat-Literatur und Nick Cave.“
Mehr unter www.marcodzebro.de

File Source: http://www.wikiart.org/en/vincent-van-gogh/vincent-s-bedroom-in-arles-1889-1

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