Zurück zum Start

FRAMED SHORTS by Marco Dzebro | Soria Moria Slott – Theodor Severin Kittelsen (1911)

7. Januar 2015 Posted by:

Soria Moria Slott - Theodor Severin Kittelsen (1911)
Soria Moria Slott – Theodor Severin Kittelsen (1911)

Was nicht sein sollte – von Marco Dzebro

Am Anfang war das Nichts und das machte auch Sinn.
Wie ein Altar im Zwielicht der endlichen Schöpfung ragte die Kneipe Ginnungagap am Gipfel der Hekla als das erste Wort dem letzten Gedanken entgegen. Odin, Vili und Vé saßen gemeinsam an der bierverklebten Theke und feierten alles ab, was betrunken und schwanger macht. Ganze drei Jahre lang waren sie über blutgetränkte Kriegsfelder gezogen, um so einiges an Gegnern und Keuschheitsgürteln zu schlachten. Sie hatten in einem Meer aus öligen Tränen kleine und große Schädel gespalten, die Knochen unzähliger Menschenverlierer mit bloßen Händen zermahlen und ihre Widersacher mit unbändiger Wut in die Nacht der Hölle gejagt. Jetzt waren sie in müder, grausamer Stimmung.
Nichtsnutzige Zeit stand launenhaft im Raum und roch irgendwie nach Dauerfäulnis, was ganz in ihrem Sinne war. Die Abendglocke läutete zur Mitternachtsstunde, die mehrere Tage lang andauern sollte und alles und jeden außerhalb der Kneipe in mondweißer Finsternis verschluckte. Odin, Vili und Vé saßen auf ihren Barhockern, kauten zufrieden Skyr, Staub und Furien und genossen die süße Ruhe ihrer frisch gebrauten Erlösungsflaschen, als plötzlich jemand, vom anderen Ende des Tresens, zu ihnen herüber brüllte: „Wenn die Götter gewollt hätten, daß ich saufe, dann hätten sie mir einen Magen geschenkt!“ Es war Ymir, der in dunkler, flügelloser Stimme lachte. Er jagte sich einen großen Krug frisch Gezapftes die Kehle herunter und kam zu ihnen rüber. „Odin, mein Freund!“ Seine Zähne waren braun und faulig, so daß jedes seiner Worte nach Fehlentscheidung stank. Sein selbstgefälliges Grinsen erfüllte die schreckliche Vision kommender Schicksale und unter seinen Fingernägeln klebten die Schreie unzähliger Kinderträume. Wieder einmal stimmte er ungefragt eine seiner unsinnigen Geschichten an, wie Kadverland ohne Herz und Hirn: „Da liege ich also vergangene Nacht mit meinem Weib in den Federn, als sie ihren großen, warmen, saftigen Hintern in meine Hände kuschelte und mir versprach, mich zum glücklichen Mann zu machen … “ Selbstgefällig nahm er einen abartig großen Schluck aus Odins Humpen. „…und da sagte ich zu ihr: Na dann werde ich dich aber vermissen!“ Er mußte selbst so laut über seine Geschichte lachen, dass er einen guten Teil des Bieres wieder hochwürgte und Odin quer über den Rücken spuckte, woraufhin ihm dieser genervt den Kopf vom Leib riß und ihn mit süßer Bowle und leeren Versprechen füllte, die er an die unzähligen Kinder verteilte, die ausgelassen in der Kneipe herumtollten. Meili war eines von ihnen: Sohn Odins, gezeugt aus Langeweile und erstaunlicher Dehnbarkeit. „Heute fühle ich mich wie feucht gesattelt und trocken geritten, mein Sohn“, offenbarte ihm Odin. „Vielleicht zuviel Alkohol?“ fragte Meili. „Vielleicht zu wenig!“ donnerte Odin und klatschte Vili den Schweiß vom Nacken, der lachend nachfüllte und Ymirs warmen, noch zuckenden Körper in kleine Stücke auseinanderriß, denn sie plagte ein Hunger wie eintausend Donnerschläge. Abdeutig kauten sie Ymir das Fleisch von den Knochen, um sich die leeren Mägen damit zu stopfen, was mehrere Wochen lang dauerte. Meili schaute ihnen mit großer Bewunderung dabei zu. „Vater, erzählen Sie mir nochmals vom Anbeginn der Zeit!“ quengelte er. „Mein Sohn: das Hier und Jetzt ist wichtig!“ sagte Odin. Doch als er sah, wie sich die Augen seines Sohnes mit Tränen füllten, erweichte sein Herz. „Nun gut“, sprach er und kotzte den unverdauten, stinkenden Leib Ymirs zurück auf die Theke, um ihn zu einer endlosen Kugel zu formen. Vili und Vé lachten so laut, daß Ymirs Blut von der Decke tropfte und kleine Seen formte. Odin legte Meili die fertige Kugel in seine kleinen Hände und schaute ihm tief in die Augen: „Alles, was Du als gut empfindest, ist gut; alles was Du als böse empfindest, ist böse!“ sprach er und streichelte Meili über den Kopf, als dieser zufrieden lachte über den neuen Atem, der aus diesem kleinen Märchen zischte und er sandte ihn nach draußen, wo er sich mit seinem neuen Spielzeug die Zeit vertreiben sollte. Vili und Vé schauten besorgt dem aufgedeckten Himmel entgegen, als Meili die Tür aufstieß und für immer, bekleidet nur mit Stock, Hut und notwendigen Weltgeistern, im verkehrten Atem des Fimbulwinters verschwand. Odin bestellte eine neue Runde für sich und seine beiden Weggefährten.
Er lächelte: eine neue Hoffnung ward geboren und er schenkte ihr ein Herz und nannte es Island.

Der Autor

Dzebro wurde 1977 irgendwo im Ruhrpott geboren, mitten im Dreck. Und sehr viel weiter hat ihn das Leben bisher auch nicht kommen lassen. Nach seinem Debütroman Dorian – ein scheitern in postkarten feierte ihn der Feuilleton als „großes literarisches Talent, irgendwo zwischen den Großmeistern der Beat-Literatur und Nick Cave.“
Mehr unter www.marcodzebro.de

File Source: http://www.wikiart.org/en/theodor-severin-kittelsen/soria-moria-slott-1911

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.